Das Haus an der Kiseleff – Chaussée – Bilder von früher

Sandu Sturza auf Besuch bei Oberst Radu Miclescu und dessen Frau Elsa, Ansicht vom Tennisplatz hinterm Haus

Über dieses Haus schrieb ich bereits – siehe Links unten – es wurde von einem der wichtigsten rumänischen Architekten, Ion Mincu, für den Maler G.D.Mirea entworfen. Dem letzteren ging das Geld aus, bevor der Bau beendet war. Er verkaufte das Haus, das sich in Bukarest auf der Kiseleff – Chaussée bei Nr. 33 auf einem Grundstück von 3’000m2 Fläche befindet, im Jahre 1900. (Ich weiss nicht genau, wie gross das Grundstück damals war, aber es ging weit nach hinten, bis auf die Delavrancea-Strasse. Dies ist heute nicht mehr der Fall)

Der Salon, 1900

Das Haus wurde vom Oberst Miclescu gekauft, ein Nachkomme einer alten adligen Familie aus der Moldau. Er baute es zu Ende und lebte hier mit seiner Mutter und seiner Frau Elsa.

Der Salon, 1900, Detail. Frau Mama

Die bedeutendsten Persönlichkeiten der Zwischenkriegszeit trafen sich hier, feierten elegante Bälle oder kamen jeden Donnerstag zum jour fixe. Ihre Namen – Cantacuzino, Brancoveanu, Sturdza, Carp, Baleanu, Bals, Greceanu, Odobescu – um nur einige zu nennen, sind heute fast aus der Welt verschwunden, es gibt sie noch in Geschichtsbüchern, als Namen der einstigen Fürsten der drei Rumänischen Länder. (Moldau, Walachei, Transylvanien)

Olga Carp

Wer erinnert sich heute noch an “Bâzu” Cantacuzino, einer der besten Flieger Rumäniens, der unter dem Triumphbogen durchflog? (Der Bukarester Triumphbogen ist ein Drittel der Grösse desjenigen in Paris – und passt somit in dessen Öffnung) Für diese waghalsige Tat wurde er aus dem Militär suspendiert, um aber sechs Monate später zurückgerufen zu werden, weil man auf ihn schlicht nicht verzichten konnte.

Sanda Ghika, George Miclescu, Yvonette Baleanu, Didi Greceanu, Dodoi Crisovelony

Finstere Jahre folgten. Ende der Vierzigerjahre besetzten die Kommunisten das Haus, dabei bemühten sie sich nicht einmal, es offiziell zu verstaatlichen.

Oberst Miclescu weigerte sich, das Haus lebend zu verlassen. Er hatte ein langes Leben und wohnte für weitere vierzig Jahre in einem Bad im Keller des Hauses, an dem er so gehangen hatte.

Dasselbe Fenster heute

1968 kam der französische Präsident Charles de Gaulle nach Bukarest. Kaum angekommen, holte er eine Liste hervor, mit Namen seiner ehemaligen Kommilitonen von der Militärschule St. Cyr und verlangte diese innert 24 Stunden zu treffen. Einige dieser Kommilitonen waren als politische Häftlinge im Zwangsarbeitslager Poarta Alba einquartiert worden (Donau-Schwarzmeer-Kanal), sie wurden geholt, anständig eingekleidet und nach Bukarest gebracht. Andere, wie Miclescu, zu einem offiziellen Empfang im Französischen Konsulat gebeten.

Der Oberst zog seine alte Uniform an, stieg die Treppe aus dem Keller in den Garten, indem er sich an einem Draht als Geländer hielt – und lief zum Empfang. Ohne eine Spur Demut zu zeigen, kletterte er danach wieder in sein Bad ins Untergeschoss hinab und lebte dort bis er über neunzig Jahre alt wurde.

Die Schwarz-Weiss-Fotos sind aus der Zeit 1930-1937. Die Farbfotos sind aktuell.

Der Hausherr

“Villa Miclescu”

Die Hausherrin

Das Fenster

Auf der Treppe

Elsa auf der Treppe

Am Ende der Treppe

Hier befand sich die Treppe..

Rechts war das Wohnzimmer mit der geschwungenen Treppe

Ein Winter in den ’70er Jahren

Das Fenster des Raumes, welcher Maler Mirea’s Atelier werden sollte

Die gesamte Bildergallerie mit meinen Fotos in Grossformat HIER

Geschichte des Hauses und der Familie auf Blog.Sarah-in-Romania (Englisch)

Meine früheren Artikel über dieses Haus:

Teil 1: Erste Begegnung

Teil 2: Update


 

Gunkanjima, die Kriegsschiffinsel -4- Untergang und Zerfall

Schachtkopf und Stützen des Förderbands © Jürgen Specht

1964 – 1974 Untergang

  • 1964 Durch eine Gasexplosion werden die Stollen geflutet und die Kohleförderung für ein Jahr verunmöglicht.
  • Die Bevölkerung sinkt von 4’900 auf 3’400
  • 1965 Durch den Kohle-Bergbau auf Mitsuse beginnt die Insel an Bedeutung zu verlieren
  • 1969 Mitsubishi Mining Company trennt sich mit den Kohle-Bergbau Abteilungen vom Mutterkonzern.
  • Das Unternehmen Mitsubishi Takashima Colliery startet.
  • 1974 Die Mine wird am 15. Januar geschlossen. Die Bevölkerung verlässt die Insel, ab 20. April ist sie unbewohnt.

Nach 1965 verordnete die japanischen Regierung die Optimierung des Energie-Ressourcen-Verbrauchs und somit den Wechsel von Kohle auf Erdöl, also begann das Management Gunkanjima zu reduzieren.
Januar 1974 wurde der Bergbau geschlossen und die Bewohner ab sofort arbeitslos. Bis April des gleichen Jahres verliessen die Bewohner die Insel komplett.

“Material Office”, davor der Eingang zu einem der Minen-Schächte © Hamutaro

1974 – heute. Zerfall

Der Zerfall der Bauten fand aus unterschiedliche Gründen statt. Ein Teil davon wurden an früheren Stellen im Text bereits erwähnt. (Wetter, salzige Luft, Schlechte Wasserabdichtung, mangelnde Erfahrung im Stahlbetonbau)
Ein wichtiger Grund ist die unterschiedliche Setzung des Baugrundes. Davon gab es zwei Arten:
-Die Stollen des Bergbaus gingen bis 1’100m in die Tiefe, über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern unter dem Meer. Wenn ein Schacht stillgelegt wurde, dauerte es etwa zehn Jahre, bis dieser zusammenfiel. Dies wirkte sich nicht sofort auf die Beschaffenheit der oberen Erdschichten aus, aber mit der Zeit setzten sich die Schichten und erzeugten grössere Risse in den Gebäuden.
Zum anderen erfolgte Landgewinnung durch Aufschüttung mit “zuri”, Erde, die aus der Mine ausgegraben wurde. Dieser Grund enthält viel Kohle, die von Meerwasser mit der Zeit zersetzt und abgetragen wird.
Diese zwei Gründen tragen zur unterschiedlichen Bodensetzung der Insel bei.
Ein weiterer Grund für den Zerfall der Gebäude war, dass Stahlbetonbau in Amerika und Europa perfektioniert wurde. Die ersten Berechnungen für Träger und Bauteile bezogen sich auf Gegenden ohne Erdbeben und waren somit für Japan ungeeignet. Die Verankerungen zwischen horizontalen und vertikalen Bauteilen und Trägern waren zu klein dimensioniert, viele Balken rissen sich aus den Auflagern.

© www.archibase.net

Dasselbe einige Jahre später, man erkennt den voranschreitenden Zerfall © Jürgen Specht, www.juergenspecht.com

Dazu kommt, dass in den meisten Gebäuden Meerwasser und -Sand für die Zementmischung genutzt wurde, was die Bewährung rasch zum rosten brachte. Nach vielen schlechten Erfahrungen landesweit setzte Japan gesetzlich den Anteil Salz bei der Betonmischung auf 0.04% fest.
Die Schichtdicke Zement über den Bewährungen war damals nicht festgelegt, daher betrug sie an manchen Stellen weniger als 1 cm Dicke; diese Schichte wurde rasch von Salzwasser durchdrungen, welches dann direkt die Stahl – Bewährung angriff. Daraufhin funktionierte das Tragwerk nur noch auf Druck, wie Mauerwerk – die Bauteile konnten keinen Zug aufnehmen.

Die Stahlstruktur kommt zum Vorschein, Geb. 65 © 2004, Jürgen Specht

Bei dem extremem Salzgehalt in der Luft wie auf offenem Meer auftretet mussten die der Witterung ausgesetzten Bauteile oft mit Süsswasser gereinigt werden. Um diese Angelegenheit kümmerten sich während der Bewohnung der Insel monatlich die Schüler. Die salzige Luft ist auch der Grund, wieso sämtliche exponierten Geländer und Bauteile aus Holz statt Stahl waren, Holz ist in Meerluft beständiger.

© Hamutaro

Mangelnder Unterhalt der Wasserdämmung, nicht Materialversagen, war der Grund für den Einsturz der Dächer auf Holzstruktur. Die Holzstruktur-Dächer hatten über Jahre hinweg besser gehalten.
Gunkanjima war ursprünglich ein Felsen. Zum einen hatten sich die Bewohner grosse Mühe gegeben, Gärten auf den Dächern anzulegen. Nach ihrem Abgang übernahmen die Pflanzen die Gebäude und zersetzten sie mit zusätzlicher Kraft. Holzbauteile sind heute leicht zu orten, weil sich ein grüner Teppich darüber ausgebreitet hat.

Hotel, Bau 1954 © blog.furibond.com

Zum anderen wurde das neugewonnene Land immer zementiert, damit ja keine Pflanzen an ungewünschten Orten – wie in der Nähe der Schachtköpfe und des Förderbandes – Fuss fassen, da sie mit ihren Wurzeln den Boden aufgerissen hätten. Einsturzgefahr!

Hinter der Wehrmauer, Geb. 48(1961, vorn) und 51(1955) © Jürgen Specht

Taifune beschleunigten den Zerfall zusätzlich. Die Bevölkerung kämpfte schon seit Ansiedlung immer gegen Taifune, die mit Wucht grosse Wassermengen aufpeitschten. Diese rissen dann Minenstützen und mannshohe Steine aus der 12m-hohen Ringmauer weg und schleuderten sie gegen die Gebäude. Texte und Fotos der Zeit zeugen von immensen Zerstörungen, einmal sogar von der kompletten Zerstörung eines dreistöckiges Stahlbeton -Gebäudes.
Indirekt schadeten Taifune, indem sie Holzelemente, Dächer und Regenrohre wegrissen. Einmal die Entwässerung und der Wetterschutz zerstört, beschleunigte sich der Zerfall der Häuser um ein Vielfaches.

Das Klassenzimmer © Hamutaro

Zum Abschied Heliansicht hier – Achtung, laut!

Links und Referenzen siehe Teil 1.

Wie kommt man auf die Insel? Infos im Artikel HIER

Gunkanjima, die Kriegsschiffinsel – 3- Blütezeit

Die Schule (70) © 1974 tejiendoelmundo.wordpress.com

1946-1963 Blüte nach dem Krieg

  • 1946 Die Hashima Gewerkschaft wird organisiert, mit besonderer Regelung für Steinkohlebergwerke.
  • 1947 Ein Punkte – System für die Zuweisung von Betriebswohnungen wird eingeführt.
  • Öffentliches Telefon wird installiert
  • 1948 Die Bevölkerung wächst sprunghaft auf 4’526 Einwohner
  • 1949 Der Hashima – Kindergarten wird eröffnet, ursprünglich Mitbenutzung der Räume des Senpukuji-Tempels
  • Der Film Midorinaki-Shima (Eine Insel ohne Grün) befasst sich mit Hashima
  • 1950 (Der koreanische Krieg bricht aus)
  • 1954 Erster Bau des Dolphin Piers. Baubeginn des Untersee-Aquädukts
  • 1956 Der südliche Kai, der Delphin-Pier und das Schwimmbad werden von einem Taifun zerstört

Das Meerwasserbad © japanisches Fernsehen

  • 1957 Ende des Baus des Untersee-Aquädukts
  • 1958 Zweiter Bau des Dolphin Piers (im folgenden Jahr weggespült)
  • Zum ersten Mal im Japan finden elektrische Reiskocher, Kühlschränke und Fernseher hier weite Verbreitung
  • 1959 Die Bevölkerung erreicht in diesem Jahr ihren Höhepunkt mit 5’230 Einwohnern
  • 1962 Zum dritten Mal wird der (heute bestehende) Dolphin Pier gebaut. Zwischen Nagasaki und Hashima wird der Linienverker aufgenommen
  • 1963 Baum-Pflanzungs-Kampagne (die erste in Japan)

 

Die Schule, im Hintergrund Geb. No. 65 © Jürgen Specht

Die Pylone der Schule, hintere Ansicht © Hamutaro

Die Schule von unten aus gesehen © Hamutaro

1974 wurde die Mine geschlossen und die Bevölkerung verliess die Insel innert 3 Monaten, um sich auf der Suche nach Arbeit in ganz Japan zu verteilen. Ein Jahrzehnt später wurde viele der ehemaligen Bewohner ausfindig gemacht und nach ihrer Zufriedenheit mit ihren neuen, jeweils sehr unterschiedlichen Wohnsituationen befragt. Entgegen der Erwartungen bevorzugten sie das Leben auf Gunkanjima – obwohl dort eine Dichte von 1’400 Bewohner/ha herrschte: also verfügte jeder Bewohner über 1.5 m2 Fläche . Dazu waren die Lebensbedingungen auf einer Insel im offenem Meer alles andere als angenehm: Taifune, Wellen, Wassernot und schlechte natürliche Beleuchtung wegen sehr hoher und enger Bebauung.

Eine Strasse © Jürgen Specht, www.juergenspecht.com

Nach dem Krieg genoss die Bevölkerung den Festlandbewohnern gegenüber auch einige klare Vorteile. Die Löhne waren verhältnismässig hoch, da von Mitsubishi bezahlt, eines der grössten japanischen Unternehmen. Abgesehen von den harten natürlichen Bedingungen war das Leben hier angenehmer als auf dem Festland, wo in der Nachkriegszeit Nahrungsknappheit herrschte. Wegen der geringen Fläche und den harten Lebensbedingungen (Minenarbeit und Leben auf offenem Meer) herrschten hier sehr klare Regeln des Zusammenlebens, die ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl förderten. Im Falle eines Taifuns war der Fährendienst unterbrochen und die Insel riskierte Hunger und Durst.
Viele Heimkehrer vom Mandschurianischen Krieg (Japanisch-Sowjetischer Grenzkonflikt 1938-39) hatten sich hier niedergelassen.
Wasser war eine wichtige Ressource auf der Insel, vor allem für Bergarbeiter in Kohleminen, die verzweifelte Anstrengungen auf sich nahmen, um Wasser zum waschen zu haben. Ein Meilenstein wurde mit dem Bau der Untersee – Leitung 1957 gesetzt.

Innenhof Geb. 65 © Jürgen Specht
Geb. 65, das flächigste auf der Insel, wurde nach einem strukturellen Raster von 6.5m x 6m gebaut, bei einer Höhe von 10 Stockwerken. Die Laubengänge wurden mehrmals umgebaut. Dieses ist das einzige Gebäude auf der Insel, bei welchem die Wohneinheiten nicht mit den strukturellen Einheiten übereinstimmen: hier gab es je 2 Wohnungen pro Einheit des Tragwerkes. Geringe Raumtiefen bei niedrigen Deckenverhältnissen trugen zu einer guten Beleuchtung bei, was damals als revolutionäres Design betrachtet wurde.

Turnhalle mit Tiger © Hamutaro

Fotos aus der Blütezeit der Insel sind im Internet nicht auffindbar. In einem Film von 2002 – siehe Link unten – macht Dotokou, ehemaliger Inselbewohner, einen Rundgang und erzählt über die Wege, die er damals lief und über wie das Leben aussah. Die aktuellen Bilder des Zerfalls werden mit solchen von glücklichen Zeiten überblendet, die das emsige Treiben im Alltag und bei Festen auf der Insel zeigen. Unbedingt anschauen!

 

Links und Referenzen siehe Teil 1.

 

Gunkanjima, die Kriegsschiffinsel -2- Kriegszeit

 Nordost – Ansicht © Hamutaro

1939-1945. Massive Ausbeutung, Zweiter Weltkrieg

  • 1939 Massenhafte Einwanderung Koreanischer Arbeiter
  • Strenge Kontrolle der Energie-Ressourcen, insbesondere Kohle und Erdöl
  • (Der Zweite Weltkrieg bricht aus)
  • 1941 Die höchste Leistung, 411.100 Tonnen Kohle im Jahr, wird verzeichnet
  • (Der Pazifik-Krieg bricht aus)
  • 1942 Ein Feuer bricht im zweiten Förderschacht aus
  • 1943 Das Gesetz zur Beschränkung der Arbeitszeit im Bergwerk wird aufgehoben, die Arbeitszeiten daher auf 12 ~ 15 Stunden verlängert
  • Das Seil des zweiten Förderschachtes wird zufällig durchgetrennt

DIE BELEGSCHAFT WIRD ZUM GROSSTEIL DURCH CHINESISCHE ZWANGSARBEITER ERSETZT. VIELE STERBEN WEGEN DER UNMENSCHLICHEN ARBEITSBEDINGUNGEN. DIE LEICHEN WERDEN IN “ALTE MÄNNER” (STILLGELEGTE SCHÄCHTE) ODER INS MEER GEWORFEN. INSGESAMT STARBEN BEIM KOHLEBERGBAU AUF DER INSEL 1’300 PERSONEN.

  • 1944 Der Bau des Gebäudes Nr. 65 beginnt
  • 1945 Das Dampf-Kraftwerk auf Takashima wird von der US Air Force bombardiert, die Stromzufuhr Gunkanjimas daher unterbrochen. Der Bergbau wird geflutet. Eine Atombombe wird auf Nagasaki abgeworfen
  • (Der Zweiten Weltkrieg geht zu Ende)

Der Grossteil der Bevölkerung wurde mit chinesischen Zwangsarbeitern ersetzt.
Mangelnde Erfahrung mit Stahlbetonbau war dafür verantwortlich, dass Meerwasser und -sand für den Bau gebraucht wurden und die Bewährungen schnell korrodierten. Dazu kam, dass die meisten Brücken und Übergänge zwischen den Gebäuden ohne Dehnfugen gebaut wurden, und daher in kurzer Zeit zerfielen.
Während der Kriegszeit waren wenig geschulte Bauleute einsetzbar, somit ist die Qualität der Bauten in dieser Zeit wesentlich niedriger als in jeder anderen Periode.

© Hamutaro

Referenzen und Links siehe Teil 1.

Gunkanjima, die Kriegsschiffinsel, 1887-1974 -1- Erschliessung und Aufbau

Der westlichste Punkt Japans, im Ost-Chinesischen Meer, 18 km SW vor dem Hafen von Nagasaki

Meerseite © Jürgen Specht, www.juergenspecht.com

Vor Nagasaki ragt eine kleine Insel aus dem Wasser, die ursprünglich den Namen Hashima – Grenzinsel – trug.

Für hundert Jahre wurde sie intensiv bewirtschaftet.

Hier wurde eines der ersten Gebäude mit Stahlbeton – Struktur in der Welt errichtet. Hier lebten die Leute gut, bevor sie in den Krieg geschickt und durch Zwangsarbeiter ersetzt wurden, danach blühte die Insel nochmals richtig auf. 1959 wurde hier die weltweit höchste Bevölkerungsdichte aufgezeichnet, fünfzehn Jahre später verliessen die Bewohner ihre Insel fluchtartig.

Für die meisten gilt sie als Schandfleck, als Mahnmal der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur, ehemalige Bewohner sehnen sich jedoch zurück, hier war es “good to live”. Es gibt eine Initiative, die Insel ins UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen.

Die Geschichte und die natürlichen Bedingungen dieser Insel spiegeln in vielerlei Hinsicht die hundert Jahre in der Geschichte des japanischen Archipels als Ganzes wieder.

SO-Ansicht © Jürgen Specht, www.juergenspecht.com

 Von 1890 bis 1974 wurde hier hochqualitative Kohle für den Einsatz in Stahlwerken aus dem unterseeischem Bergwerk von Mitsubishi gefördert, das eine führende Rolle in der Industrialisierung von Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte.

Zuerst war die Insel eine relativ kleine Felsfläche, die aus dem Meer ragte. In mehreren Phasen wurde sie durch Aufschüttung mit Material aus dem Bergwerk um zwei Drittel der ursprünglichen Fläche erweitert. Heute misst sie 480m x 160m, also 6,5 ha. – die Fläche von etwa vier Fussballfelder – und ragt 48m hoch aus dem Wasser.
Mit jeder Erweiterung der Insel wurden neue Wohnungen gebaut. Eines der weltweit ersten Stahlbeton -Wohngebäude wurde hier 1905 errichtet. Sogar während dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bau nicht unterbrochen. Lange Zeit galt Gunkanjima als die grösste Baueinheit in Japan.

Die Bewohner der Insel bildeten eine selbständige Gemeinschaft unter der Kontrolle eines einzigen Unternehmens. Es gab nie einen Masterplan für die Anordnung der Gebäude auf dieser Insel, und das Ergebnis stellt ein Modell anonym gebauter Wohnhäuser dar, die stark den Gemeinschaftssinn der Bewohner wiederspiegeln.

Die Insel bildet eine vollständige urbane Einheit, in welcher sämtliche Arten von Gebäuden und Dienstleistungen, die für das menschliche Leben notwendig sind, in einem ausserordentlichen mehrstöckigem Komplex konzentriert wurden.
In vier Einträge werden die unterschiedlichen Phasen der Entwicklung der Insel von der Erschliessung bis zum Zerfall präsentiert.

Der Schrein, Bau 1927

Vor der Industrialisierung

  • 1810 Auf der Insel Hashima wird freiliegende Kohle entdeckt
  • 1870 Eröffnung des Kohle-Bergbau Betriebes
  • 1882 Die Insel befindet sich im Besitz von M. Nabeshima, ein mächtiger Herr des Nabeshima-Clans.
  • 1887 Erster Stollenbau wird begonnen (Tagelöhne 0,25 ~ 0,50 Yen)
  • 1890 Firma Mitsubishi kauft die gesamte Insel.
  • 1891 Aus Meerwasser wird Frischwasser destilliert, dieses wird von Tür zu Tür geliefert, als Nebenprodukt entsteht Salz
  • 1893 Die Grundschule öffnet ihre Pforten
  • 1894 (Der Chinesisch-Japanischen Krieg bricht aus)
  • 1897 Die erste Landgewinnung wird durchgeführt
  • 1904 (Der Russisch-Japanischen Krieg bricht aus)
  • 1905 Ein Taifun beschädigt die südlichen und westlichen Teile der Insel starkDie Wohngebäude auf Gunkanjima zeichneten sich durch einen sehr hohen Anteil an gemeinsam nutzbarem Raum aus. Jedes Stockwerk verfügte über breite Gänge in denen die Bewohner viel Zeit verbrachten und sich begegneten.

NW-Ansicht, von links: oben Schrein (1936), Ecke der Nikkyu-Wohngebäude (1918), Geb. 51 (1955) und 48 (1961) © Hamtaro auf Panoramio

Die meisten Wohnungen waren, wie in Japan üblich – im Gegensatz zu Europa, Einzelzimmer-Wohnungen. Der gemeinsam genutzte Raum im Verhältnis zum gesamten Raum betrug in allen Perioden
30 – 36%. Heutzutage ist halböffentlicher Raum ohne klar definierte Nutzung schwer zu rechtfertigen, üblicherweise betrug dieses Verhältnis 7-15%.
Die Tendenz heutzutage ist, dass Wohnungen immer grösser werden, mit stets klar definierten Raumfunktionen. Der gemeinsam nutzbare Raum wird zusehends wegrationalisiert, dies macht jedoch die Einteilung relativ inflexibel.
Allgemein gilt: je niedriger das Gebäude, desto weniger gemeinsam nutzbarem Raum. Dieser Zustand trägt zum individuellen Wohngefühl bei, durch das Gegenteil wird jedoch der Gemeinschaftssinn gestärkt.
Der öffentliche Bereich wurde so eingerichtet, dass er für die extrem kleine Wohnflächen kompensiert.

© Hamutaro
Je nach Epoche können anhand der Bauart der Auskragung, Wasserabdichtung, und Dachentwässerung unterschiedliche Bautypen identifiziert werden – je nach Art der Erschliessung:

  • Offene Korridore innerhalb der Tragstruktur – Geb. 30 von 1916, die Nikkyu-Flats (Geb. 14-19) von 1918
  • Offene Korridore auskragend – dieser Typ erschien 1939 – Geb. 56, 57
  • Gebäudeinterne Treppenhäuser – erst nach 1945 – Geb. 65
  • Gebäude mit Treppenhaus an beiden Enden – gibt es nur 2, diese sind in der Regel niedrig, in diesem Fall 3 Stockwerk hoch – Geb. 2(1950) und 25(1954)

Die Treppe am Ende des Gebäudes© Mario Gallucci

Industrialisierung, Erster Weltkrieg

  • 1906 Elektrische Beleuchtung wird installiert (nur ein Jahr nach Erstanwendung in Japan)
  • 1907 Untersee-Kabel werden zwischen Hajima und der benachbarten der Insel Takashima gelegt
  • Die fünfte Landgewinnung wird durchgeführt
  • 1910 (Japan annektiert Korea)
  • 1914 (Der erste Weltkrieg bricht aus)
  • 1916 Gebäude Nr.30, der älteste Wohnungsblock mit Stahlbetonstruktur in Japan, wird gebaut (7 Stockwerke hoch)
  • 1918 Wohnblöcke Nr. 16 ~ 20 (Stahlbetonstruktur, 9 Stockwerke hoch) werden gebaut
  • Das Dampf-Kraftwerk auf der benachbarten Insel Takashima beginnt Gunkanjima mit Strom zu versorgen
  • (Der Erste Weltkrieg endet)

Sicht auf Nagasaki © Jürgen Specht

 

  • 1921 “Nagasaki Daily News” bezeichnet die Insel erstmals als “Gunkan-jima”, was auf Japanisch Kriegsschiffinsel bedeutet, weil diese vom Meer aus wie das Kriegsschiff “Tosa” aussieht
  • 1922 Eine Anlegestelle mit Kransystem wird gebaut
  • 1923 (Kanto-Erdbeben Katastrophe)
  • 1925 Der südliche Teil der Insel leidet stark infolge eines Taifuns
  • 1927 Das Kino Showa-kan (Gebäude Nr. 50) wird gebaut
  • 1930 Der westliche Teil der Insel wird von einem Taifun zerstört
  • 1931 Yugao-Maru, das erste Stahlschiff in Japan, wird für die Insel eingesetzt
  • Die sechste Landgewinnung wird durchgeführt
  • 1932 Ein Wasserboot, die Mishima-Maru, wird eingesetzt
  • Das Förderband ersetzt die Pferde beim Kohletransport im Stollen
  • 1933 Frauen wird die Arbeit im Stollen verboten
  • 1935 Gunkanjima und Takashima beenden die Salzherstellung
  • 1937 Das Unternehmen Mitsubishi eröffnet eine Spielschule auf dem Dach des Gebäudes Nr. 20
  • 1938 Ein Untersee – Telegraph wird eingerichtet

 

Die Geländer aus Holz, Stahl würde wegen salziger Meerluft zu schnell rosten, 80er Jahre © www.archibase.net

Gebäude Nr. 30, 1916

Ältestes Wohngebäude auf der Insel, 7 Stockwerke hoch, teilweise unterkellert.
Zwei Mal saniert: 1928 wurde Stahlverstrebungen eingebaut, zur Verstärkung der Verbindung zwischen den Balken und der Fassade, dazu wurde gegen Feuchtigkeit schützender Mörtel benutzt.
1954 wurden die veralteten Bewährungen im UG bis 4.OG mit runden, beständigeren Stahlbewährungen ergänzt. Daher sind heutzutage wesentlichere Zerstörungen in den oberen Stockwerken als in den unteren erfolgt. Dies geschah auch infolge der Verwendung von Meersand für die Zementmischung (Mangelnde Erfahrung im Stahlbetonbau)

Die einzigen Gärten auf der Felsinsel wurden auf den Dächern gebaut, hier Nikkyu Flats © Mario Gallucci

Nikkyu Flats, 1918

Die bereits erwähnten Nikkyu-Flats sind durch einen langen Laubengang auf der Meerseite verbunden, der auch als Dämpfer gegen die Wellen und Stürme funktionieren sollte. (Die davor stehenden Gebäude wurden erst in den 50er und 60er Jahren gebaut)
Die Bewohner gaben den Laubengängen viele andere Funktionen:

  • sozial-als Treffpunkt für die Frauen, die Wasser holen gingen
  • als Schlaf- Raum für heisse Nachmittage und Abende, in der warmen Jahreszeit
  • als Spielplatz für kleine Kinder, die so auch die Verhaltensregeln im Umgang mit Erwachsenen lernten
  • als “Waschküche” in der Regenzeit
  • als Bastelraum/Reparatur-Werkstatt
  • als Versammlungsplätze, ähnlich wie kleine Parks in Grossstädten
  • als Informationsorte – “schwarzes Brett”

Im Gegensatz zu europäischen Wohnungen haben japanische immer einen Raum, um die Schuhe auszuziehen. Dieser befindet sich meist ausserhalb des Wohnbereiches, unter einer Auskragung und dient zugleich einer Vielfalt anderer Nutzungen (z. B. kleine Ladenfläche). Heutzutage wird dieser Raum zu Gunsten der klar definierten Räumlichkeiten wegrationalisiert, dies trägt zu einer Verarmung des Gemeinschaftssinnes bei.
All diese Nutzungen verwandelten Wohnungen in wesentlich offenere Einheiten, als wir sie heute in Grossstädten kennen, da einige Aktivitäten, die wir heute als “privat” bezeichnen, in den halböffentlichen Räumen stattfanden.
Je nach Familienzusammensetzung konnten diese Räume als zus. Schlafraum, Lagerraum, Wohnzimmer.
Auf Gunkanjima gab es nie Vorschriften für die öffentliche Durchwegung, diese hat sich demzufolge den Bedürfnissen nach entwickelt. Die Bewohner hatten über die Brücken und Durchgänge, welche die Gebäude verbanden, Zugang zu sämtlichen Strukturen der Insel, ohne gezwungen zu werden, je auf den Boden hinunter zu steigen. Wie in Babylon.
Da die gesamte Insel einem einzigen Unternehmen gehörte, konnten administrative Angelegenheiten (Umbau, anfallende Reparaturen) sehr schnell und ohne komplizierte Behördengänge erledigt werden.

Allein die Topographie der Insel – extreme Hanglage – unterschied die Wohnungen, jeder Raum hatte eine charakteristische Aussicht. Dies trug wiederum zum individuellen Gefühl bei, obwohl alle Wohnungen grundsätzlich dieselben Grundrisse hatten.

Individuelle Aussicht © Hamutaro

Luftansicht hier

MakingPlaces, ein virtuelles Wiederaufbauprojekt

Beeindruckender Film des Regisseurs Nordanstad: ein Bewohner kehrt zurück und erinnert sich an sein Leben auf der Insel

Das Projekt Gunkanjima Odyssey, hier die Gallerie


Sibirische Holzhäuser – stiller Zerfall

Chuhloma, 550 km NO von Moskau, RusslandZwei Traditionen sind im Norden Russlands verankert:

Wegen den harten Lebensbedingungen sind die Menschen, um zu überleben, aufeinander angewiesen. So entwickelte sich eine sehr hilfsbereite und gastfreundliche Gesellschaft.

Wegen derselben harten Lebensbedingungen besteht eine alte Tradition, die Gegend mit politisch Verbannten zu kolonisieren. Diese hatten im Laufe der Zeit einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Region.

Irkutsk entstand aus einem Kosakenfort (Ostrog) im 17.Jh. Nachdem in der zweiten Hälfte des 18.Jh die Strassenverbindung zu Moskau gebaut wurde, entwickelte sich die Stadt schnell zu einem Knotenpunkt zwischen Sibirien, China und Moskau, für den Handel mit Pelz, Diamanten, Gold, Seide, Tee und Holz. Auf den wirtschaftlichen Aufschwung folgten Wissenschaft und Kultur. Von hier aus startete Bering 1728 seine erste Expedition.

Im Dezember 1825 revoltierte eine große Gruppe russischer Adliger gegen Zar Nikolaus I.. Die Revolte wurde niedergeschlagen und die so genannten Dekabristen wurden nach Sibirien verbannt und siedelten sich großteils mit ihren Familien in Irkutsk an. Die Dekabristen hatten einen immensen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung und das Selbstverständnis der Stadt und sind auch heute noch im allgemeinen Bewusstsein sehr präsent.

Wikipedia

©vladstudio.com

“Man kann mit Bestimmtheit sagen”, schrieb der Dekabrist Nikolai Bassargin, “dass unser langwährender Aufenthalt in den verschiedensten Orten Sibiriens für die geistige Entwicklung der Einwohner gewissen Nutzen gebracht hat und die gesellschaftlichen Beziehungen um einige neue und wertvolle Gedanken bereicherte. Bedenkt man dazu noch den Einfluss, den die Entdeckung der Goldfelder, die Erfolge in Industrie und Handel ausübten, was eine grosse Anzahl tüchtiger und kluger Menschen nach Sibirien lockte, so scheint es nicht verwunderlich, dass sich in den letzten zwanzig Jahren in diesem Lande so vieles zum Besseren gewendet hat.”©

© vladstudio.com

Irkutsk, Sibirien Russland

Unter Kommunismus wurde die Industrialisierung vorangetrieben; im Rahmen der planmässigen Erschliessung der Angara-Jenissei-Region wurden in den 1950ern ein Stausee und ein Wasserkraftwerk hier gebaut. Heute ist die Stadt vor allem Verwaltungszentrum der Region, sie verlor an kultureller und wissenschaftlicher Bedeutung. Alte Häuser tauchen ab und zu zwischen den neueren Blocks und Plattenbauten auf oder zerfallen still in den umgebenden Wäldern.

© vladstudio.com

 EnglishRussia, der Blog, von dem alles begann

Der Fotoausflug im Wald bei Chuhlome hier

Satellitenbild von Irkutsk hier

Mehr Holzhäuser auf vladstudio.com

Zwölf Stühle, I.Ilf, E. Petrow – Das lustigste Buch Russlands – Eine Reise, 1928

Eine sibirische Seite mit Infos über die Dekabristen

Workcamp August 2009, 30km von Irkutsk

Sibirien © wikipedia

Feuer und Hass – Schloss Bidache, 16xx-1796

Aquitanien, Frankreich

Dieser Weg fährt nach Bidache, auf einem Hügel hinter den Bäumen erhebt sich das einst prächtige Schloss der Herzogen von Gramont.

Das Schloss steht im Norden des Dorfes, auf einem Felsvorsprung, mit Blick auf den Fluss Bidouze und auf den Napoleonweg. Eine Terrasse aus dem 18.Jh verbindet es mit dem Ort Bidache. Es gehört Antoine XIV., Herzog von Gramont. Das Schloss wurde mehrmals umgebaut. 1523 wurde es von den Truppen Charles V. unter Befehl des Prinzen von Oranien belagert und angezündet, dabei vollständig ruiniert.

In der ersten Hälfte des 16.Jh unternahm Charles de Gramont (1475-1544), Erzbischof von Bordeaux und Generalleutnant von Guyenne, umfangreiche Renovationsarbeiten.Viele Architekten, Kunsthandwerker, Bildhauer und Maler kamen für den Wiederaufbau nach Bidache.
Wichtige Zeitgenossen waren hier auf Besuch, König Charles XIX. und Katharina de Medici waren seine Gäste 1565. Der Wiederaufbau ging während dem 16.Jh. und dem gesamten 17.Jh. weiter. Unter Louis XIV empfängt Antoine III., Marschall von Gramont, den Kardinal de Mazarin in dem Schloss, dieser lobt die Treppenanlage, sie sei eine der schönsten Frankreichs.
Charles-Antoine de Gramont beginnt Anfang des 18. Jh. den Wiederaufbau der monumentalen Tore, die über den Eingang wachen. Das Schloss wurde bei der Französischen Revolution 1796 erneut in Brand gesteckt.
Seit diesem Zeitpunkt wurden mehrere Sanierungsvorhaben gestartet, bisher ohne Erfolg.
Heute ist ein ehrgeiziges Projekt zur Erhaltung und Wiederinstandsetzung des Ensembles in Vorbereitung.
Dies ist die offizielle Version der Geschichte auf der www.bidache.org – Seite.

Sommer 07 fuhren wir zufällig dran vorbei, auf dem Weg vom Atlantik zu den Grotten von Isturiz und Oxocelhaya. Die mächtige Ruine zog uns derart in ihren Bann, dass wir sofort kehrt machten und alles probierten, um hinein zu gelangen.
Schafe grasten friedlich im grossen Foyer hinter den Baustellenversperrungen. Eine Dame brachte ihre Freundin, die zu Gast aus einem anderen Teil Frankreichs war, auf einen Spaziergang bis zum Bauzaun. Auf meine Frage, wann die Sanierungsarbeiten enden würden, lachte sie und sagte, sie sei vor siebzehn Jahren ins Dorf gezogen und seither hätte sich auf dieser Baustelle nichts getan. Beim Rathaus gab man mir Bescheid, Sommer ’08 sei die Renovation fertig. Der letzte alte Seigneur von Gramont sei verarmt und stur und weigerte sich, das Schloss rechtzeitig der Gemeinde abzutreten, aber Geld für die Renovation besässe er auch keines. Inzwischen hat nicht einmal die Webseite einen Fortschritt erlebt.


Leute im Dorf erzählten, das Schloss sei ursprünglich im 10.Jh. gebaut worden. Die Seigneurs de Gramont waren seit jeher eine Diplomatenfamilie im Dienste der Französischen Krone. Einer von Ihnen war es, der nach Spanien ging, um im Namen Louis XIV. um Maria Theresias Hand anzhalten. Auf der Rückreise habe der Tross hier übernachtet, allein deshalb hatte man das Tor und die grosse Terrasse über das Tal der Bidouze gebaut, um einen grossen Ball zu Ehren des königlichen Besuches zu veranstalten.
1789 wurde das Schloss der Gemeinde abgetreten und brannte 1796 aus (französische Revolution 1788-1798). Seither liegt das stolze Gemäuer ruiniert da.

 

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Die Leute erzählten noch etwas. Das Schloss hätte einen bösen Ruf, seit einer der Gramonts seine Frau mit dem Stallmeister im Stall erwischte und den letzteren in den Armen seiner Gemahlin erschoss. Er verlor den Verstand und das Schloss brannte in derselben Nacht aus. Das war 1786. Sei dann hätte sich auf dem Gelände nichts mehr getan.
Es sei ihnen egal, was damit passiere, der Adel sei doch degeneriert und die Basken würden sich dem königlichen Frankreich und dessen Schätzen gegenüber in keiner Weise verpflichtet fühlen.

Luftansicht auf GoogleMaps hier

Rekonstruktionszeichnungen hier

Fotos der Gemeinde hier

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Das Haus an der Kiseleff – Chaussée – Update

Unnatürlich ordentliche Zerstörungsspuren

Seit dem letzten Eintrag über dieses Haus habe ich ein wenig mehr über dessen Geschichte erfahren können.

Prof. Pippidi schrieb in der Zeitschrift Dilema Veche nr. 261 vom 18. Februar 2009:

Das Haus gehörte einst dem Maler G.D. Mirea (der wahrscheinlich für die Innenbemahlung zuständig war), später dem Oberst Radu Miclescu. Es befindet sich an der Kiseleffstrasse bei Nummer 33. Der frühere grosse Garten ist heute marode und wurde, wegen der Gier des Käufers, zum Bauland bestimmt. Über die ganze dauer des Prozesses um dieses Anwesen finden nachts Arbeiten statt, die den Verfall beschleunigen. (…)

Ich hatte vernommen dass der neue Kulturminister in einem der ersten Interviews, in dem er seine Absichten erklärte, dieses Haus erwähnt hat. Dazumal hatte ich erfahren dass ofizielle Schritte für die Enteignung des Besitzers getroffen wurden. Seitdem ist lange Zeit vergangen und die Zerstörung geht weiter.

Die Fotos zeigen brutal was der Passant von der Strasse aus bloss flüchtig erblickt: das aufgeschlitzte Dach, die zertrümmerten Scheiben, die zerrütteten Gewölbe. Das Haus hatte einen Wintergarten (wie hätte er wohl gefehlt? Ein charakteristisches Element der Architektur der Zeit um 1900, dort begegneten sich die Figuren des Oscar Wilde), ein Treibhaus mit gläsernen Wänden, jetzt zertrümmert. Von allen Seiten hat eine wahnsinnige Vegetation das Haus umzingelt, jetzt schleicht sie hinein. Im Keller gab es zu Lebzeiten des alten Oberst bereits Pilze. Der Elan mit welchem sich das wilde Leben hineinwirft kann nicht beherrscht werden.

Die damaligen Besitzer, Familie Miclescu, waren genötigt gewesen, ihren gesamten Besitz ab 1948 aufzugeben, da sie als Grossgrundbesitzer verfolgt und inhaftiert wurden.

Eingerissene Decke, die Balken sind nicht morsch

Das Haus wurde nie verstaatlicht, es wurde besetzt. Trotzdem musste der rechtmässige Besitzer einen Prozess beginnen, um es zurückzugewinnen. Er verlor in den ersten zwei Instanzen. Als er abermals rekurieren wollte, erklärte man ihm, dass er aufgrund einer Gesetzesänderung unter Präsident Iliescu Risiko läuft, alles zu verlieren. Daher sah er sich gezwungen das Streitobjekt, zusammen mit einem anderen Grundstück, einem plötzlich aufgetauchten Käufer für weniger als ein Zehntel des Hauswertes zu verkaufen. Dies erfolgte zwischen 1994-1996.

Das Haus trug nach dem Erdbeben 1977 einige Schäden und wurde nie mehr richtig repariert. Im Keller wurden einige zusätzliche Stützen angebracht.

Neue Fotos mit dem aktuellen Zustand hier

Mehr Fotos sind auf diesem Blog bei Pictures zu finden

Weitere Artikel über dieses Haus:

Teil 1: Erste Begegnung

Teil 3: Bilder von früher

Das Haus an der Kiseleff – Chaussée, 1900-1994

Dieses Haus in meiner alten Nachbarschaft in Bukarest hatte mich schon immer fasziniert. Heute zerfällt es jeden Tag ein wenig mehr, als wäre es von allen guten Geistern verlassen worden.

Sie sind verschwunden, die guten Geister, das Haus wurde neuen Wächtern überlassen, die es jeden Tag von innen aushöhlen, dabei lassen sie die Fassade bis zum letzten Moment stehen, damit niemand sieht, was zwischen den stolzen Mauern vorgeht. Die Möbel liegen zertrümmert auf den Zimmerböden, im Schutt der heruntergestürzten Decken, die Balken wurden mit den Decken aus den Wänden herausgerissen, man sieht durch drei Stockwerke in den Himmel… Hinten, im Raum wo früher die Feierlichkeiten stattfanden, ist die grosse Treppe auch heruntergefallen, junge Bäume wachsen dort, wo man einst tanzte, der Regen peitscht von innen auf die Scheiben und auf die Nischenwände.

Für uns hat ein neues Jahr begonnen. Ich wundere mich, wie viele Jahre dieses Haus wohl gesehen hat, mit Gästen, die an üppigen Tischen feierten, anstiessen und einander wünschten, dass ihnen das neuen Jahr all jenes bringen solle, was ihnen in den letzten Jahren enthalten wurde. Wie viele elegante Frisuren und Kleider aus edler Seide wohl hier vorbeiraschelten, wie viele intelligente Gespräche wohl in diesen Mauern erklangen, von denen jetzt der letzte Rest blaue Farbe sich zusammenrollt und ergeben abfällt. Bessere Jahre… Und schlechtere Jahre, in denen die Bewohner des Hauses die kommenden Zeiten wohl gefürchtet haben. Es folgten die Kriege, die Zeiten des Wandels.

Ich kenne die Geschichte des Hauses nicht, ich hätte gern mehr darüber erfahren. Ich möchte Bilder von besseren Zeiten sehen,in denen die Bewohner es richtig belebten. Ich wünsche mir, dass die guten Geister zurückkehren und ihre jetzigen “Besitzer” und “Wächter” mit der plötzliche Erkenntniss der Schönheit, die sie so lang schändeten, erschlagen. Ich wünsche mir, dass auch andere kleine und grosse Häuser aus Bukarest überleben, dass sie wieder ruhige Zeiten erleben, wie jene, in welchen sie aufgeblüht sind – und dass sie wieder von Leuten bewohnt werden, die sie schätzen.

hier eine Luftansicht

Weitere Artikel über dieses Haus:

Teil 2: Update

Teil 3: Bilder von früher